[b]Fortsetzung…[/b]
Ihr Zeitgefühl ging völlig verloren als sie durch die Dunkelheit wanderte. Niemand kam um sie zurückzuholen und niemand lauerte ihr auf, um ihrem Leben ein Ende zu bereiten. Und so ging die Sharran einfach weiter. Die Gänge führten sie tiefer ins Erdreich und stiegen nach Stunden wieder an. Sie hörte fernes Echo von Stimmen, doch nach einiger Zeit tat sie all diese Erinnerungen an Lebendiges als Einbildung ab. Hier gab es einfach nichts das Sprechen konnte. Ihr verbliebenes Auge spielte ihr dumme Streiche, immer wieder schien es als sah sie Schatten an den Wänden herum schleichen, wo keine Schatten sein konnten, da das Licht fehlte. Sie versuchte Nuancen von Dunkelheit auszumachen. Doch in dieser Tiefe gab es nur das schwärzeste Schwarz. Kein Grau, kein Grauschwarz, kein Blauschwarz… Kein Schimmer von Farben.
Irgendwann bemerkte die Sharran, wie sie mit geschlossenen Augen voran lief und es machte keinen Unterschied mehr für sie. Sie konzentrierte sich stattdessen auf die Geräusche, die sie wahrnehmen konnte: Ihr eigener Herzschlag, der ihr die Gewissheit gab, dass sie wenigstens noch existierte. Das ferne Aufschlagen eines Wassertropfens auf eine harte Oberfläche. Das leise Säuseln des Windes, der hier jedoch nicht durch Blätter und Baumwipfel strich, sondern schnarrend durch die Gewölbe und Höhlengänge eilte. Sie stand oft da und atmete in einer zeitlosen Stille die Luft ein. Manchmal schmeckte sie Schwefel, manchmal nur das sie umgebende Erdreich oder nach kaltem Stein und Eisen, ein anderes Mal schmeckte die Luft süß und erinnerte sie an Beeren oder Wurzeln an der Oberfläche. Doch der sie umgebende Druck, das Erdreich, das sich über ihr aufmachte, ließen sie ahnen wie tief sie in Wirklichkeit im Unterreich wandelte.
Ihre Hände ertasteten anfangs den Weg für sie, doch nach einiger Zeit streckte sie ihre Arme nur noch von sich und ließ die Luftströmungen sie leiten. Trockenes Gestein machte sich unter ihren Füßen locker und kegelte in der Dunkelheit davon. Die Lautstärke des Geräuschs ließ für einen Augenblick ihren Herzschlag aussetzen und versetzte sie in Todesqualen. Hatten sie sie gehört? War sie nicht allein? Herrin?
[color=purple] [i]“Konzentriere dich, Nishune. Sieh in das Wasser und konzentriere dich auf die Wellen.“ „Ich sehe die Wellen kaum.“ „Dann spüre sie mit deinen anderen Sinnen. Achte nicht auf das, was du siehst, sondern auf das, was sie dir einflüstert.“
Noch einmal berührte die Fingerspitze der verrückten Priesterin das runde, flache Wasserbassin. Runde Kreise wallten durch die Berührung auf und ließen Wellen bis zum Rande des Gefäßes aufkommen. Die Novizin vertiefte sich wieder in den Anblick des dunklen Wassers. Die ältere Priesterin mit dem schlohweißen Haaren und dem jugendlichen Gesicht umwandelte ihre Schülerin aufmerksam. Erneut nahm sie die handgroße Holzschale auf, aus welcher in dicken Schwaden Qualm aufstieg, kniete neben ihrer Schülerin nieder und fächelte mit langsamen Handbewegungen dieser die Dämpfe zu. Wenn das Mädchen es nur zuließ, würde der Rauch es ihr erleichtern in den Nebel einzutauchen.
Die Novizin nahm einen tiefen Atemzug. „Was siehst du?“ „Ich sehe gar nichts.“ „Gut, das ist gut.“ Numestra kicherte in ihrer unheilvollen Art. Die verrückte Priesterin fasste ihre Schülerin fest an der Schulter an und drückte sie unerbittlich nach unten, so dass das Mädchen gebeugt über der Wasserschale saß. „Du musst dich fallen lassen!“
Und plötzlich ging es rasend schnell. Das schwarze Wasser in der Schale lief über seine Grenzen hinaus und bildete ein riesiges schwarzes Meer. Der schwarze Nachthimmel über ihr unterschied sich kaum von dem Wasser. Der Horizont erschien ihr in grauen Nebelschwaden und so sah sie kaum bis ans Ende des Meeres. Aber das Meer war auch unendlich! Sie konnte gar nicht soweit blicken.
Inmitten des Meeres stand die Novizin nun knöcheltief in diesem zähen schwarzen Wasser. Sie blickte auf ihre Füße und wusste nicht worauf sie stand, sondern sah nur in die endlose, schwarze Tiefe des Meeres ohne Grund. Und da drohte sie schon einzusinken, langsam aber sicher wurden ihre Knöchel von der Flüssigkeit verschluckt und das Wasser kroch höher hinauf, bis zu ihren Knien. Die Novizin versuchte zu schreien, doch ihr kam kein Laut über die Lippen. Todesangst hielt ihr Herz umklammert und eine eisige Kälte machte sich von da an bemerkbar. „Ich stehe! Ich stehe – fest!“ rief das Mädchen in die Dunkelheit hinaus. Plötzlich hörte sie wieder ihre Stimme als sie schrie: „Höre mich, Herrin! Ich stehe fest!“
Da erst spürte sie, wie das Wasser aufhörte an ihr empor zu klettern und sie erneut auf unsichtbaren, aber festem Grund stand. Von irgendwo drang eine vertraute Stimme an ihr Ohr. „Sehr gut, Nishune. Jetzt können wir ja die zweite Übung ausprobieren, ja… das machen wir.“ Numestra kicherte erneut fröhlich und in ihrer kindischen Art auf.[/i][/color]
Verwirrt schüttelte die Sharran den Kopf. Die Erinnerungen holten sie hier an diesem einsamen Ort ein, wie die Schatten das Licht. Sie lauschte auf das abebbende Lachen ihrer ehemaligen Lehrerin und verbannte den Gedanken schließlich ganz. Hier gab es keine Stimmen, wo sie war. Hier gab es nichts. Langsam bewegten sich ihre Muskeln wieder nach ihrem Willen und vorsichtig schlich sie weiter den Gang entlang. Irgendwo spürte sie eine weitere Abzweigung. Sie brauchte einen anderen Weg, der nach oben führte.
Als der Hunger sie zu übermannen drohte, suchte sie nach essbaren Pilzen und aß nicht selten ein Stück Lehm, das sie finden konnte… Nur um ihrem Magen etwas zu geben, mit dem er sich beschäftigen konnte. Die ein oder andere kleine Eidechse überlebte die Begegnung mit der hungrigen Priesterin auch nicht. An kleinen Rinnsalen blieb sie lange stehen und leckte das Wasser vom Felsen. Das man dreckig war und die eigene Haut zerschunden vergaß man schnell. Dennoch fürchtete sie sich vor anderen Geräuschen, die ihr nicht bekannt waren. Die Sharran huschte als lebendiger Schatten umher und verkroch sich in kleine Nischen, als Furcht vor den unsichtbaren Gefahren sie übermannten. Die wenigen Stunden, die sie Schlaf finden konnte, waren von Träumen geplagt. Die wenigen Stunden, die sie wach herumirrte, wurden von Visionen bedroht, die sie selbst mit offenen Augen heimsuchten.
[color=purple] [i][b]Tanzwut[/b]
Seit einem dutzend Zyklen sehnte sich die Novizin diese Nacht herbei. Ihre ersten drei Prüfungen lagen hinter ihr und jetzt erst war es ihr erlaubt selbst an den rituellen Tänzen bei Neumond teilzunehmen. Sie folgte den anderen Priesterinnen die graue Steintreppe hinab ins Labyrinth. Viele der anderen Frauen trugen Schmuck und ihre Hände und Gesichter waren mit Tuschezeichnungen verziert. Die Prozession schlich leise hinab ins Gewölbe des Tempels. Der gedämpfte Lichtschein von Kristallen warf tausend Schatten an die Steinmauern und es schien als würden die Schatten um die Priesterinnen herum schwanken. Die schwarzhaarige Novizin hörte immer wieder das Knurren und aufgeregte Scharren der Schattenklauen auf dem Boden.
Diese Nacht würde etwas Besonderes werden. Vor allem für sie. Es war ihre erste Tanzwut. Als die Prozession in der großen Unterirdischen Halle ankam, erwarteten sie bereits die männlichen Priester der Zelle. Die Frauen bildeten inmitten des Gewölbes einen großen Kreis, die Gesichter jeweils den anderen zugewandt. Auch die junge Novizin stand zwischen ihnen. In dieser Nacht wäre es egal, welchen Rang sie bekleideten. Das Chaos herrschte bei jeder Tanzwut.
Zwei der Frauen gingen nun den Kreis der Gläubigen ab und reichten einer jeden eine kleine Schale gefüllt mit einem dickflüssigen, schwarzen Liquor. Auch die Novizin trank davon und es fiel ihr schwer die schwere Flüssigkeit hinab zu schlucken. Die zähe Masse ließ ihre Zunge für einen Moment taub werden und schmeckte seltsam bitter. Dennoch spürte sie rasch, wie eine angenehme Hitze von ihr Besitz ergriff und sich jeder Muskel ihres Körpers lockerte und gleichzeitig voller Aufregung anzuspannen schien.
Als die Trommeln aus der Ferne durch die hohen Kreuzgänge schallten, flackerten die wenigen magischen Kohlebecken auf und gaben dem Labyrinth ein unheilvolles Zwielicht. Nach einiger Zeit, als sie noch über die Wirkung des Tranks nachdachte, kam es ihr so vor als ob die Trommelschläge schneller und lauter wurden. Mit einem Mal wurde ihr bewusst, dass ihr Atem rasch schneller ging, im Gleichtakt zu den Trommeln. Und in ihren Ohren rauschte wie wild das Blut. Die Trommeln riefen nach dem Blut der Nacht. Ehe sie sich versah, befand sie sich inmitten von einem wilden Tanzgetümmel. Die Frauen bewegten sich wie fliegende Schemen im Kreise und als die Novizin zu laufen begann, streckte sie beide Hände weit aus, um die anderen Frauen zu berühren.
Der Tanz wurde immer schneller und der Takt der Trommeln rauer und wilder. Wie viel Zeit verging gerade? Wer waren die Gestalten um sie herum? Diese Gesichter… Fratzen… Masken… Mit weit aufgerissenen Augen tanzte sie und drehte sich um sich selbst, ihre Beine schienen immer weiter laufen zu wollen. Bei jedem neuen Trommelschlag warf sie den Kopf in den Nacken und stieß ein lautes Heulen aus. Sie bemerkte, wie ihr Atem rasselnd aus der Kehle drang und sie japste nach Luft. Ihr Herz wollte ihr vor lauter Anstrengung aus der Brust springen. Und trotzdem wollte sie nicht, dass es aufhörte, sie begann noch schneller zu wirbeln und verschwendete keinen Gedanken mehr daran, was als nächstes geschehen könnte.
Ihr Blut pulsierte durch ihren Körper, lebendig wie sie war. Das berauschte Elixier verglühte sie innerlich und kochte. Heißer Dampf wogte durch ihren Körper, durch ihre Lungen und durch den Kopf. Von fern drangen andere Geräusche an ihr Ohr, wie im Traum, hörte sie die anderen Gestalten aufschreien und leise stöhnen. Sie würde verbrennen, dachte sie sich. Am lebendigen Leib würde sie in eine Stichflamme aufgehen. Sie musste die Hitze befreien.
Die Novizin wankte aus dem Kreis der Tanzenden, von denen sie manche bereits am Boden hin und her warfen, ihren wilden Zuckungen erlagen oder sich in Paaren räkelten. Ihre beiden Handflächen ließ sie über die glänzenden, kühlen Klingen streifen, bis sie spürte dass das Blut langsam aus den Wunden floss und der Schmerz ihr angenehme Kühle verschaffte. Mit beiden Handflächen wischte sie sich den Schweiß von der Stirn und schmeckte Salz und Blut auf ihren Lippen.
Wieder ließ sie sich in den Strom zurückfallen und wirbelte unter den Torbögen entlang, folgte den Schatten und tanzte mit einem unsichtbaren Wirbelsturm. Aber nie wollte sie halt machen oder neuen Atem holen, den ganzen Augenblick musste sie auskosten. Einen jeden ihrer Schritte schenkte sie ihrer Göttin, für ihre Geliebte wollte sie tanzen. Ihre Bewegungen waren einmal schlicht und langsam, wie von einer Welle wurde ihr Körper getragen. Dann spannte sie all ihre Muskeln an und warf ihre Arme in die Höhe und sprang zwei Schritte weiter. Sie verlor den Rhythmus und fand ihn mit den Trommeln wieder. Mal waren die Trommelschläge fern, mal klangen sie ganz nah in ihrem Inneren wieder. Und von überallher hörte sie Stimmen…
Sobald sie an anderen Tänzern vorbeihuschte, streckte sie ihre Hände aus und strich demjenigen über die Haut und das Gesicht, dabei blutige Spuren hinterlassend. Manch andere schlugen mit der flachen Hand nach ihr und oft genug taumelte sie durch die Wucht einer Ohrfeige zurück. Dann richtete sie sich bald auf und warf sich dem nächsten Tänzer in die Arme, oft wurde sie mit einem Kuss auf die Lippen belohnt. Es war egal, wenn sie geschlagen wurde. Es war egal, wenn sie berührte. Es bedeutete in diesem Moment nichts.
Inzwischen klebte ihr der nasse Stoff ihres Gewands am Körper, wie eine zweite Haut. Der Schweiß sickerte aus ihren Poren und ließ ihre Haut glänzen. Ihre langen Haare hingen ihr in feuchten Strähnen ins Gesicht.
Irgendwann wurde sie von einem Arm gepackt und in einen dunklen Gang gezogen. Der Mann riss ihr nur den nassen Stoff von der Haut und drückte sie an die nächste kalte Wand. Durch Rausch, Drogen und die Anstrengung des Tanzes spürte sie nicht mehr viel von dem, was der Mann mit ihr anstellte.
Die Erinnerungen an den Tanz verblassten schnell als sie am nächsten Morgen mit katastrophalen Kopfschmerzen, Übelkeit, Zerrungen und Muskelkrämpfen auf dem Boden neben ihrem Bett erwachte.[/i][/color]
Eine Leere verdrängte ihre Gedanken und ließ ihre Schritte langsamer werden. Es hatte keinen Sinn weiterzugehen. Sie würde nie zur Oberfläche zurückkehren können und wahrscheinlich wäre sie das nächste Opfer der Bestie. Aber für denjenigen, der stehen bleibt und auf sein Ende wartet, würde es schneller kommen als für den, der sich seinem Schicksal stellt. Ihre Schritte wurden langsam wieder schneller. Shar würde sie leiten, wie so oft davor. Sie hatte eine Aufgabe, die sie erfüllen musste, noch bevor sie sich zur Ruhe legen konnte. Und mit Freuden würde sie jeden Wunsch ihrer Göttin erfüllen. Aber nichts sprach dafür, dass sie an diesem verlorenen Ort ausharren musste. [i]Göttin, führe mich![/i]
Doch als sie ihre Arme der Dunkelheit entgegen streckte, sprach eine andere Stimme zu ihr. [i]Warum nicht hier bleiben? Warum nicht warten? Warum nicht verhungern? Warum nicht sterben? Etwas lachte bei diesem Gedanken. Das ist ihre Essenz. Du gehörst doch Ihr, nicht dir selbst. Und du gehörst mir! Mir! MIR! Nicht dir. Mir…[/i]
Die Sharran stolperte von da an weiter, ohne auf ihre Umgebung zu achten. Ihr Geist war nach innen gekehrt und sprach mit dieser fremden Stimme in ihrem Kopf.
[i]Ich muss zurück in die Marken! Dort gehöre ich hin. Das hat sie mir aufgetragen. – Nein, du gehörst hierher. In ihre Dunkelheit. Hier wird sie zu dir sprechen können. Du hörst sie doch nicht, wenn ich nicht da wäre. Hier ist es besser.
Sieh dich um. Ihr Atem umweht dich hier mit jedem Schritt. Die Dunkelheit kann dich in ihren Armen wiegen? Wäre das nicht, das was du dir wünscht? Du kannst in Ihr aufgehen. Und nimm’ mich mit! Vergiss’ mich nicht, hörst du? Ich gehör’ dazu.
Nein! Ich sage nein. Hier bin ich nutzlos für sie. Dann nimm’ ein Stückchen mit dir mit? Warum ein Stück – ein Herz voll! Dann hast du es immer bei dir… Immer bei mir.[/i]
Ihre Hände ließ sie durch die Dunkelheit streichen und berührte den nächsten Felsen. Sie spürte wieder etwas. Harten, kalten Stein. Die Sharran drückte sich an die Felswand und ließ ihre Schultern, Rücken und Oberarme am Stein entlang wandern.